Der Engel, das Wesen zwischen Wunsch, Wunder und Wirklichkeit

Die "Ruhe-sanft-auf-beiden-Seiten"-Bilder in den deutschen Schlafzimmern mit den wunderschönen Engeln darauf und den schwarzumflorten Soldatenfotos auf den Nachtschränken gleich daneben haben meine Phantasie von Kindheit an beschäftigt. Ich wollte den Zusammenhang ergründen zwischen den all zu sehr geschönten Bildern und den all zu früh vernichteten jungen Männern.

Seitdem hat der Engel in meiner Vorstellung viele Metamorphosen durchgemacht, bis hin zum Adler. Mal mit, mal ohne Flügel. Er war zwar wunderlich, aber wenig esoterisch. Meistens hat er sich sogar recht handgreiflich in das irdische Geschehen eingemischt. Nur eines war er mit Sicherheit nicht: zum romantisch Glotzen (frei nach Brecht) lieblich.

WO also beginnt der gefährliche Schlaf?
WO fängt der menschliche Wahnsinn an, dessen absurdester Schauplatz der Krieg ist? Und:
WAS kann ich dagegen setzen?

In den 80er Jahren habe ich düstere Kreidezeichnungen geschaffen: Deutschlands enthaupteten Engel, nach Ingeborg Bachmann, gestürzte, verletzte und einsame Boten des Guten. Heute kommt mein Engel meistens mit entwaffnender Naivität und einem heiligen Ernst zugleich daher. Er tut das scheinbar Sinnlose trotzdem: Er nennt Lüge "Lüge" und Unsinn "Unsinn".

Er wehrt sich gegen die Gefahr des bequemen Sinnes. Dafür wird er oft liebenswürdig belächelt oder aber boshaft ausgelacht. Anerkennung findet er nur sehr, sehr selten. Dieser Engel bleibt immer und überall ein Fremder. Er selbst fühlt sich ausgesetzt. Durch Einsamkeit aber wird bei ihm das Wunderliche zum wirklichen Wunder.

Er ist und bleibt untauglich für Gewalt, Hass und Neid, denn mit ihm ist harmlose Freudigkeit. Nur sein herber Witz lehrt, wenn es sein muss, das Fürchten. Er verbündet sich mit allen wachen Engeln, ob mit oder ohne Flügel!

Silke Kowalski




 

Engel zu Fuß